Float, ESG und VSG – die drei Grundtypen
Fast jedes Glas im Möbelbau beginnt als Floatglas. Die Schmelze läuft dabei über ein Bad aus flüssigem Zinn und erstarrt vollkommen plan. Üblich sind 3, 4, 5, 6, 8, 10 und 12 mm. Floatglas ist günstig und gut zu bearbeiten, bricht aber in lange, scharfe Scherben. Deshalb bleibt es bei uns auf Stellen beschränkt, die niemand anstoßen kann: Rückwände hinter einer Scheibe, kleine Füllungen in geschlossenen Rahmen.
ESG, das Einscheiben-Sicherheitsglas, ist Floatglas, das auf rund 640 Grad erhitzt und dann mit Luft schlagartig abgekühlt wird. Die Oberfläche steht danach unter Druckspannung, der Kern unter Zug. Das Ergebnis: etwa die vier- bis fünffache Biegefestigkeit und ein Bruchbild aus kleinen, stumpfen Krümeln. Der Preis dafür ist eine harte Regel – nach dem Vorspannen lässt sich nichts mehr ändern. Jede Bohrung, jeder Ausschnitt, jede Kante muss vorher sitzen. Wer an fertigem ESG nachbohrt, hat Glasgrieß auf der Werkbank.
VSG, das Verbund-Sicherheitsglas, besteht aus zwei oder mehr Scheiben, die mit einer zähen PVB-Folie unter Druck und Wärme verklebt sind. Eine Folienlage misst 0,38 mm, üblich sind zwei Lagen, also 0,76 mm. Bricht VSG, hängen die Scherben an der Folie und die Scheibe bleibt als Ganzes stehen. Genau das braucht man überall dort, wo Glas über Kopf hängt oder wo jemand dagegenfallen könnte. VSG dämpft nebenbei Schall spürbar und schluckt einen Teil des UV-Lichts – für Vitrinen mit empfindlichen Objekten ein echtes Argument.
Wo Sicherheitsglas nicht verhandelbar ist
- Alles über Kopf: Glasböden in Hängeschränken, Glasklappen, verglaste Deckenanschlüsse. Fällt hier etwas herunter, fällt es auf Menschen. VSG, keine Diskussion.
- Ganzglastüren und Schiebetüren: großformatige Scheiben ohne Rahmen bekommen ESG, im Zweifel VSG. Eine zwei Meter hohe Tür aus Floatglas ist fahrlässig.
- Glas im Greifbereich von Kindern: Vitrinenfronten, Sideboardtüren, alles unterhalb von etwa einem Meter.
- Tragende Glasböden: sobald Gewicht darauf steht, gehört ESG hinein, auch wenn Float rechnerisch reichen würde.
- Tischplatten aus Glas: ESG ab 8 mm, bei großen Spannweiten VSG.
Für Glas in Möbeln beschreiben die DIN 68871 und die DIN EN 14072 Anforderungen und Prüfungen. In der Praxis läuft es auf einen Satz hinaus: Wo Glas brechen und dabei jemanden treffen kann, gehört Sicherheitsglas hin. Wir gehen im Zweifel eine Stufe höher.
Optik: klar, grau, satiniert
Normales Floatglas hat durch den Eisenoxidanteil einen leichten Grünstich. An der Fläche sieht man ihn kaum, an der Kante deutlich – bei 8 mm Dicke wird daraus ein grüner Streifen. Wer weiße Innenseiten oder helle Textilien hinter Glas zeigen will, nimmt deshalb eisenarmes Weißglas. Bei beleuchteten Vitrinen addiert sich der Grünstich über mehrere Böden hinweg sichtbar.
Rauchglas ist in der Masse durchgefärbt, meist grau oder bronzefarben. Es wirkt ruhiger als klares Glas, weil der Inhalt dahinter zurückhaltender erscheint – praktisch für Vitrinen, in denen nicht jedes Stück ein Ausstellungsstück ist. Die Färbung sitzt im Glas, nicht als Beschichtung: Je dicker die Scheibe, desto dunkler wirkt sie.
Satinato entsteht durch Säureätzung. Die Oberfläche wird gleichmäßig matt und seidig, deutlich feiner als gesandstrahltes Glas, das rauer ist und Fett schneller festhält. Ehrlich gesagt bleibt aber auch Satinato fingerempfindlich – jeder Abdruck zeichnet sich als dunkler Fleck ab. Wir setzen es deshalb bevorzugt dort ein, wo nicht täglich angefasst wird. An Griffkanten von Türen, die zehnmal am Tag aufgehen, ist klares Glas oft die vernünftigere Wahl.
Die Kante entscheidet
Glas bricht selten aus der Fläche heraus. Es bricht fast immer von der Kante, und zwar von einer beschädigten. Ein Muschelausbruch von 2 mm, den man beim Transport übersehen hat, ist die Sollbruchstelle für die nächsten Jahre. Kantenbearbeitung ist deshalb keine Kosmetik, sondern Technik.
- Gesäumt: nur die Schnittschärfe gebrochen. Reicht, wenn die Kante später komplett im Rahmen oder in einer Nut verschwindet.
- Geschliffen: die Kante ist plan geschliffen, matt und gleichmäßig. Der Standard für alles, was man sieht, aber nicht ständig anfasst.
- Poliert: nach dem Schliff auf Hochglanz gebracht, die Kante wird wieder transparent. Für freistehende Glasböden, rahmenlose Vitrinentüren und Tischplatten.
- Facette: eine breite angeschliffene Schräge, meist 10 bis 25 mm. Bricht das Licht und wirkt klassisch – an modernen Möbeln wirkt sie schnell aufgesetzt.
Bohrungen haben eigene Regeln. Als Faustwert gilt: Der Abstand vom Bohrungsrand zur Glaskante sollte mindestens der doppelten Glasdicke entsprechen, der Bohrungsdurchmesser nicht kleiner sein als die Glasdicke. Wer diese Abstände unterschreitet, bekommt spätestens beim ersten Anziehen der Beschlagschraube einen Riss.
Was ESG nicht kann
Zwei Punkte gehören offen auf den Tisch. Erstens läuft vorgespanntes Glas im Ofen über Rollen und behält davon eine leichte Welligkeit, die Rollenwelle. Bei einer spiegelnden Front sieht man sie in der Reflexion, besonders im Streiflicht. Das ist kein Mangel, sondern eine Eigenschaft des Verfahrens – man sollte es nur vorher wissen. Zweitens kann ESG in sehr seltenen Fällen ohne äußere Ursache brechen, ausgelöst durch winzige Nickelsulfid-Einschlüsse. Wer dieses Risiko weiter drücken will, bestellt heißgelagertes ESG-H, bei dem solche Scheiben schon im Werk zerfallen.
Vitrine und Tür: der Aufbau
Für eine Vitrinentür gibt es drei Bauarten. Die Rahmentür aus Holz mit eingenuteter Scheibe ist die klassische und die reparaturfreundlichste – die Scheibe wird von einer Glasleiste gehalten und lässt sich einzeln tauschen. Die Alu-Rahmentür baut leichter, die Scheibe liegt in einer Dichtung. Bei der Ganzglastür ist die Scheibe selbst die Tür.
Bei Glasböden richtet sich die Dicke nach Spannweite und Last. Für leichte Deko in einem 600 mm breiten Fach reichen 6 mm ESG. Ab 800 bis 900 mm Breite oder bei Gläsern und Büchern gehen wir auf 8 mm, bei großen Spannweiten auf 10 mm. Wichtig ist die gleichmäßige Auflage auf allen Trägern, sonst arbeitet die Last punktuell gegen die Kante.
Mit Licht wird Glas erst richtig interessant. Eine LED-Leiste, die von vorn in die Kante eines klaren Glasbodens einstrahlt, lässt die ganze Scheibe leuchten, weil das Licht im Glas geführt wird. Bei satiniertem Glas streut die Oberfläche das Licht dagegen flächig – zwei sehr unterschiedliche Wirkungen aus fast demselben Bauteil. Mehr dazu steht in unserem Artikel zur LED-Beleuchtung im Möbel.
Wie wir das bei HDE machen
Wir bestellen Glas nach fertigem Aufmaß, nicht nach Planmaß. Der Korpus steht, die Tür ist gebaut, erst dann geht das Maß raus – bei Rahmentüren mit rund 2 mm umlaufendem Spiel, damit sich das Holz bewegen kann, ohne die Scheibe zu klemmen. Ein Glasboden bekommt gegenüber dem lichten Innenmaß etwa 3 mm Luft, sonst lässt er sich beim Einsetzen nicht schräg einfädeln.
Alle Bohrungen, Ausschnitte und Kantenqualitäten legen wir in der Zeichnung fest, bevor etwas bestellt wird. Der Beschlaghersteller gibt vor, welcher Glasabstand für sein Scharnier gilt, und dieser Wert wandert unverändert in die Glasbestellung. Sichtbare Kanten laufen bei uns poliert, verdeckte gesäumt – eine Kostenfrage, die man bewusst entscheiden sollte.
Beim Einbau arbeiten wir mit Handschuhen und legen jede Scheibe auf Filz ab, nie auf die blanke Werkbank. Ein Kantenschlag auf Holz oder Metall ist der häufigste Grund, warum eine Scheibe Wochen später reißt. Glas setzen wir außerdem erst nach dem Lackieren ein. Wie sich Glas mit anderen Materialien kombinieren lässt, sehen Sie an unseren Schränken nach Maß.

