Zwei Bauweisen, die verschiedene Dinge gut können
Bei einem Schubkasten müssen zwei Aufgaben gelöst werden: Der Kasten muss halten, was hineinkommt, und er muss sauber laufen. Der Holzschubkasten löst beide Aufgaben getrennt, die Metallzarge löst sie in einem Bauteil. Daraus ergeben sich alle weiteren Unterschiede.
Der Holzschubkasten
Der klassische Schubkasten besteht aus vier Massivholzseiten, meist Buche, Eiche oder Ahorn, in 13 bis 16 Millimetern Stärke, mit einem eingenuteten Boden aus 6 bis 8 Millimeter starkem Sperrholz. Zusammengehalten wird er an den Ecken durch eine Zinkung, in der Regel ein Schwalbenschwanz. Diese Verbindung ist formschlüssig: Die keilförmigen Zinken lassen sich in Zugrichtung nicht auseinanderziehen. Genau das ist die Belastung, die an der Vorderseite eines Schubkastens jeden Tag anliegt, wenn Sie an der Front ziehen und das Gewicht dahinter folgt. Zusätzlich wird die Verbindung verleimt, aber sie würde auch ohne Leim nicht aufgehen.
Für die Bewegung braucht dieser Kasten eine eigene Führung, üblicherweise einen Unterflur-Vollauszug, der unsichtbar unter dem Boden sitzt. Dafür muss der Boden dick genug sein und hinten sauber eingefasst, sonst reißt die Verschraubung der Führung mit der Zeit aus. Was Sie bekommen, ist ein Schubkasten, der von innen wie ein eigenständiges Möbelstück wirkt und nach dem Holz riecht, aus dem er gebaut ist.
Die Metallzarge
Bei einem Zargensystem ist die Seitenwand selbst aus Stahl, meist 8 bis 13 Millimeter dünn, und die Laufführung steckt bereits darin. Aus Holzwerkstoff bestehen nur noch Boden und Rückwand. Der Vorteil ist rechnerisch: Bei einem 600 Millimeter breiten Korpus gewinnen Sie gegenüber zwei 16 Millimeter starken Holzseiten rund zwei Zentimeter nutzbare Innenbreite, und die Tragkraft liegt bei denselben Außenmaßen deutlich höher. Dazu kommt ein durchdachtes Zubehörprogramm: Relingaufsätze für hohe Auszüge, Glaselemente, Trennsysteme, Innenauszüge, alles im gleichen Raster.
Der Preis dafür ist Abhängigkeit. Sie sind an ein System gebunden, an dessen Rastermaße und an dessen Ersatzteilpolitik. Und die Innenansicht ist die eines Industrieprodukts, was in einer Küche kaum stört, in einer Kommode im Wohnzimmer aber sehr wohl.
Tragkraft ist keine Nebensache
Führungen werden nach dynamischer Tragkraft eingeteilt, üblich sind Klassen von 30, 40, 50 und 70 Kilogramm. Diese Zahlen wirken großzügig, bis man nachrechnet. Ein 900 Millimeter breiter Topfauszug mit gusseisernen Pfannen, einem Bräter und dem üblichen Rest kommt ohne Weiteres auf 30 bis 40 Kilogramm. Ein Geschirrauszug mit Tellerstapeln liegt schnell darüber. Bei Werkzeug, Akten oder Steingut wird es noch deutlicher.
Unterdimensionierte Führungen fallen nicht sofort aus, sie werden schleichend schlechter: Der Auszug hängt vorn ab, läuft rau, die Front steht nicht mehr in der Flucht. Deshalb fragen wir bei der Planung nach, was tatsächlich hineinkommt, und legen im Zweifel eine Klasse höher aus. Für die Höhe gilt eine andere Faustregel, die genauso wichtig ist: Über etwa 1300 Millimetern sehen Sie nicht mehr in den Auszug hinein. Darüber sind Fachböden oder Klappen die bessere Lösung.
Innenauszüge und der Fehler, den sie oft verursachen
Ein Innenauszug sitzt hinter einer Tür statt hinter einer eigenen Front. Das ist in der Ankleide für Wäsche und in Hochschränken die ruhigere Lösung, weil die Front als geschlossene Fläche bestehen bleibt. In der Küche findet man Innenauszüge außerdem als flache zweite Ebene über einem tiefen Topfauszug, meist für Besteck und Kleinteile.
Der häufigste Planungsfehler entsteht dabei am Türblatt. Ein Innenauszug lässt sich nur herausziehen, wenn die Tür weit genug offen steht, in der Regel deutlich über 90 Grad. Öffnet die Tür nur bis zum rechten Winkel, weil eine Wand, ein Nachbarmöbel oder eine fehlende Passblende im Weg ist, kollidiert der Auszug mit der Türkante. Ein Scharnier mit größerem Öffnungswinkel oder ein paar Millimeter Abstand zur Wand lösen das Problem, aber nur, wenn man vorher daran denkt.
Einteilung: was einen Auszug brauchbar macht
- Höhen nach Inhalt: Besteck und Kleinteile brauchen 90 bis 120 Millimeter, Geschirr und Gläser 200 bis 250, Töpfe mit Deckel 250 bis 300. Wer alles gleich hoch macht, verschenkt in der Summe eine ganze Schublade.
- Breite begrenzen oder unterteilen: Ab etwa 600 Millimetern Breite ohne Quereinteilung wandert der Inhalt beim Öffnen und Schließen. Ein Trennsteg oder ein Einsatz hält Ordnung, ohne dass Sie ständig aufräumen.
- Einsätze herausnehmbar planen: Ein Besteckeinsatz, den man zum Reinigen herausheben kann, wird gereinigt. Ein fest eingebautes Fachwerk aus Leisten wird es nicht.
- Nicht alles festlegen: In Schränken, deren Nutzung sich ändert, ist eine Antirutschmatte plus zwei verschiebbare Stege oft klüger als eine maßgefertigte Einteilung, die in drei Jahren nicht mehr passt.
- Vollauszug statt Teilauszug: Nur ein Vollauszug gibt die gesamte Tiefe frei. Bei einem Teilauszug bleiben die hinteren zehn bis fünfzehn Zentimeter im Korpus und werden zur toten Zone.
Reinigung und Reparatur über die Jahre
Eine Metallzarge lässt sich feucht abwischen und nimmt weder Fett noch Wasserflecken an. Das ist der Grund, warum wir sie in Küchenunterschränken und in Nassbereichen fast immer bevorzugen. Massivholz innen ist dagegen empfindlich, wenn es roh bleibt: Öl und Rotwein ziehen ein und lassen sich nicht mehr entfernen. Wir behandeln Holzschubkästen deshalb innen leicht, mit einem dünnen Öl oder einem matten Klarlack, der die Haptik lässt und die Oberfläche trotzdem schützt.
Bei der Reparatur kehrt sich das Verhältnis um. Ein Holzschubkasten ist beliebig lange instand zu setzen: Ein gerissener Boden wird ersetzt, eine gelöste Zinkung neu verleimt, eine verschlissene Kante nachgearbeitet. Nur die Führung ist ein Systemteil. Bei der Metallzarge ist der Kasten selbst das Systemteil. Solange der Hersteller die Serie führt, ist ein Austausch eine Sache von Minuten. Wird die Serie eingestellt, was nach zehn bis fünfzehn Jahren vorkommen kann, bleibt oft nur der Umbau des ganzen Schranks.
Was beide Bauweisen brauchen, ist Justage. Moderne Führungen lassen sich in drei Richtungen verstellen: in der Höhe, seitlich und in der Neigung. Eine Front, die nach einem Jahr nicht mehr fluchtet, ist deshalb selten ein Schaden, sondern meist eine Einstellsache von wenigen Minuten.
Wie wir das bei HDE machen
Wir bauen beides und entscheiden nach Einsatzort. In Küchenunterschränken, Waschtischen und allem, was mit Wasser und Fett in Berührung kommt, setzen wir Zargensysteme ein, überwiegend aus laufenden Serien von Häfele, weil wir Führungen und Zubehör auch Jahre später als Ersatzteil bekommen. In Ankleiden, Wohnmöbeln, Sideboards und überall dort, wo Sie beim Öffnen in den Kasten hineinsehen, bauen wir Holzschubkästen in der eigenen Werkstatt: 13 Millimeter Seiten aus Buche oder Eiche, Boden 8 Millimeter eingenutet, Zinkung auf der CNC gefräst, verleimt und gepresst, Kanten von Hand gebrochen.
Bei der Planung fragen wir konkret nach dem Inhalt, nicht nach der Anzahl der Schubkästen. Wer Gusseisen sammelt, bekommt eine andere Führungsklasse als jemand, der dort Geschirrtücher lagert. Innenauszüge zeichnen wir immer zusammen mit dem Türöffnungswinkel, damit die Kollision auf dem Papier auffällt und nicht am Montagetag. Und wir bauen keinen Auszug in eine Höhe, in die Sie nicht mehr hineinschauen können, auch wenn er dort optisch gut aussehen würde. Was in unserer Werkstatt sonst entsteht, sehen Sie unter Schreinerei.

