Teilauszug oder Vollauszug
Ein Teilauszug fährt etwa 75 bis 80 Prozent der Schubkastentiefe aus dem Korpus. Bei einer 500 Millimeter tiefen Schublade bleiben also gut 100 Millimeter im Schrank stehen. Das merken Sie sofort, wenn Sie in der hintersten Ecke etwas suchen: Sie greifen unter die Arbeitsplatte oder unter den darüberliegenden Boden, statt von oben hineinzusehen.
Ein Vollauszug fährt die gesamte Tiefe heraus, die Rückwand des Schubkastens steht vorne bündig zur Korpusfront. Es gibt zusätzlich Überauszüge, die noch einmal 10 bis 20 Millimeter weiter fahren; die braucht man vor allem dort, wo eine dicke Arbeitsplatte oder eine vorstehende Frontkante sonst die hintere Ecke verdecken würde.
In der Küche ist der Vollauszug der Regelfall, und zwar nicht aus Komfortgründen, sondern weil ein Unterschrank ohne ihn ein Drittel seines Volumens praktisch nicht nutzbar macht. Sinnvoll bleibt der Teilauszug bei flachen Innenauszügen hinter einer Tür, in Werkstattmöbeln und überall dort, wo die Bautiefe knapp ist oder das Budget an einer anderen Stelle besser aufgehoben ist.
Tragkraft: 30, 40 oder 70 Kilogramm
Die Angabe auf der Verpackung ist eine dynamische Nennlast, geprüft bei einer bestimmten Nennlänge, meist 500 Millimeter, über eine festgelegte Zahl von Öffnungszyklen. Sie ist keine Garantie dafür, dass ein 60 Zentimeter breiter Auszug ebenso viel trägt wie ein 30 Zentimeter breiter. Als praktische Zuordnung:
- 30 kg: normale Küchenschubkästen bis etwa 600 Millimeter Breite, Besteck, Küchentextilien, Badezimmerauszüge. Für die meisten Anwendungen ausreichend.
- 40 kg: breite Auszüge ab etwa 800 Millimetern, Topfauszüge, Geschirrschubkästen, alles mit Innenteilung aus Holz. Unsere Standardgröße im Küchenbau.
- 70 kg: Vorratsauszüge über die volle Schrankhöhe, Apothekerschränke, Sockelschubkästen unter einer Kochinsel, Werkstatt- und Ateliermöbel mit Werkzeug.
Rechnen Sie großzügig. Ein Topfauszug mit gusseiserner Pfanne, Bräter und zwei Töpfen liegt schnell bei 25 Kilogramm, und ein Vorratsauszug mit Konserven und Getränkeflaschen sprengt die 40-Kilogramm-Klasse ohne Weiteres. Die Führung geht davon nicht sofort kaputt; sie wird langsamer, schwergängiger und bekommt Spiel, und irgendwann hängt die Front vorne einen Millimeter tiefer als die daneben. Genau daran erkennt man unterdimensionierte Auszüge nach ein paar Jahren.
Kugelführung oder Unterflurführung
Die seitliche Kugelführung
Die klassische Teleskopschiene aus Stahl läuft auf Kugelkäfigen und wird seitlich zwischen Schubkasten und Korpuswand geschraubt. Sie braucht dafür in der Regel 12,5 Millimeter Luft je Seite, der Schubkasten wird also 25 Millimeter schmaler als das lichte Innenmaß. Vorteile: unempfindlich, tolerant gegenüber kleinen Maßabweichungen, für sehr hohe Lasten verfügbar, und man kann sie in fast jeden Korpus nachrüsten.
Nachteile gehören dazu. Die Schiene ist von der Seite sichtbar, sobald der Auszug offen ist. Kugelführungen haben ein wahrnehmbares Seitenspiel, und billige Ausführungen mit dünnem Blech und wenigen Kugeln rasseln beim Laufen. Wenn Mehl, Zucker oder Sägespäne in die Laufbahn kommen, wird der Lauf körnig; ganz aus dem Weg bekommt man das nicht, weil die Bahn oben offen ist.
Die Unterflurführung
Hier liegt die Führung unter dem Schubkastenboden und ist im geöffneten Zustand nicht zu sehen. Der Auszug wird von unten getragen statt seitlich gehalten, was ihn ruhiger und spielfreier macht. Der Preis dafür ist Präzision: Der Boden muss in der Regel 16 Millimeter stark sein, hinten eine Nut für den Einhängebeschlag bekommen und vorne zwei Ausschnitte für die Kupplungen. Die Korpusmaße müssen auf den Millimeter stimmen, sonst läuft die Front schief.
Dafür bekommen Sie eine vierfache Frontverstellung: Höhe, Seite, Neigung und Tiefe lassen sich später an den Kupplungen nachstellen, ohne den Schubkasten zu zerlegen. Bei durchgehenden Küchenzeilen mit sechs oder acht Fronten nebeneinander ist das der Punkt, an dem sich der Aufpreis verdient. Anbieter wie Häfele führen beide Systeme in mehreren Tragkraftklassen, sodass man innerhalb einer Küche nicht die Marke wechseln muss.
Selbsteinzug und Dämpfung
Zwei Funktionen, die oft in einen Topf geworfen werden, obwohl sie Gegenspieler sind. Der Selbsteinzug ist eine Feder, die den Schubkasten auf den letzten 40 bis 60 Millimetern greift und selbstständig zuzieht. Er sorgt dafür, dass keine Schublade halb offen stehen bleibt, und er hält den Auszug im geschlossenen Zustand zu, sodass die Front nicht wandert. Die Dämpfung ist ein kleiner Öldruckzylinder, der genau diese Bewegung wieder abbremst, damit es am Ende nicht schlägt.
Beide zusammen ergeben den weichen, gleichmäßigen Einzug, den man aus dem Möbelhaus kennt. Beide zusammen brauchen aber auch eine passende Abstimmung. Ist der Schubkasten sehr leicht und leer, überwiegt die Feder und der Auszug zieht spürbar ruckartig zu. Ist er randvoll beladen, kann der Dämpfer die Masse nicht mehr auffangen und der Kasten schlägt trotzdem an. Bessere Systeme haben deshalb eine Dämpferstufe, die sich auf leichte oder schwere Beladung einstellen lässt, und bei sehr breiten Auszügen setzt man zwei Dämpfer statt einem.
Ehrlich zum Alltag: Der Selbsteinzug verzeiht auch, dass man mit der Hüfte zudrückt statt mit der Hand. Das ist bequem und genau der Grund, warum die Front bei einem billigen Auszug nach zwei Jahren nicht mehr fluchtet. Die Feder ist stärker als der Beschlag, den man dafür gekauft hat.
Woran Sie einen billigen Auszug erkennen
Ziehen Sie den Auszug ganz heraus und drücken Sie vorne von oben auf die geöffnete Schublade. Ein guter Vollauszug gibt kaum nach. Ein schwacher federt sichtbar durch, und die Front kippt. Bewegen Sie ihn dann seitlich: Mehr als ein bis zwei Millimeter Spiel bedeuten, dass die Fugen zu den Nachbarfronten nie ganz ruhig aussehen werden.
Der zweite Test ist der Ton. Rollenauszüge mit Kunststoffrollen, die man an sehr günstigen Möbeln findet, rumpeln hörbar und lassen sich am Ende nach oben aushebeln, weil sie keine echte Ausziehsicherung haben. Sie sind nie Vollauszüge. Und der dritte Punkt fällt erst später auf: Ob ein Beschlag 20.000 oder 80.000 Öffnungen aushält, merken Sie an einer Besteckschublade, die täglich fünfmal auf und zu geht, nach etwa vier Jahren.
Wie wir das bei HDE machen
Wir bauen in Küchen grundsätzlich Vollauszüge mit Unterflurführung, gedämpft, in der 40-Kilogramm-Klasse; für Vorratsauszüge und Sockelschubkästen gehen wir auf 70 Kilogramm hoch. Seitliche Kugelführungen setzen wir bewusst dort ein, wo sie besser sind: in Werkstattmöbeln, bei sehr tiefen Auszügen in Nebenräumen und überall, wo eine spätere Nachrüstung oder ein Umbau wahrscheinlich ist.
Die Ausschnitte und Nuten im Schubkastenboden fräsen wir auf der CNC, nicht auf der Kreissäge, weil die Unterflurführung eine Nut mit gleichbleibender Tiefe braucht. Jeder Auszug wird in der Werkstatt eingebaut, mindestens zwanzigmal durchgefahren und eingestellt, bevor das Möbel verpackt wird. Bei Einbauschränken und Ankleiden legen wir außerdem fest, welcher Auszug welche Last bekommt, und schreiben es in die Zeichnung. Ein Wäscheauszug wiegt nun einmal anders als ein Schuhauszug, und man sieht es dem Möbel von außen nicht an.

