Schleifen heißt: Kratzer durch kleinere Kratzer ersetzen
Jedes Schleifpapier hinterlässt Riefen. Ein 80er-Papier reißt tiefe, ein 240er sehr feine. Was beim Schleifen passiert, ist deshalb keine Politur, sondern eine Kette: Die groben Riefen der ersten Runde werden von der zweiten Körnung abgetragen, deren Riefen von der dritten, und so weiter, bis die verbleibenden Spuren so klein sind, dass das Auge sie nicht mehr trennt. Wer eine Stufe überspringt, etwa von 80 direkt auf 180 geht, bekommt genau das Problem, das man in der Werkstatt sofort erkennt: Die feine Körnung schafft es nicht, die tiefen 80er-Riefen ganz wegzunehmen. Auf der rohen Fläche fällt das kaum auf. Sobald Lack oder Öl darauf sind, stehen die Riefen da wie mit dem Bleistift gezogen.
Die übliche Folge im Möbelbau ist 80, 120, 180, 240. Die Faustregel dahinter: nie mehr als eine Stufe auf einmal, und jede Körnung so lange, bis von der vorherigen wirklich nichts mehr zu sehen ist. Im Streiflicht, also mit einer Lampe flach über die Fläche gehalten, ist das gut zu kontrollieren. Bei Tageslicht von oben sieht fast jede Fläche gut aus.
Womit man wo anfängt
- 80er: nur dort, wo wirklich Material weg muss, etwa bei einer verleimten Massivholzplatte mit Versatz an der Fuge oder bei Hobelschlägen. Auf Furnier hat 80er nichts verloren.
- 120er: der übliche Einstieg für Massivholz, das sauber aus der Maschine kommt. Nimmt Bearbeitungsspuren weg, ohne die Fläche zu verformen.
- 180er: der Standardschritt vor der Oberfläche. Für viele Lacksysteme ist hier schon Schluss.
- 240er: Endschliff für geölte und gewachste Flächen sowie für Sichtkanten, die man anfasst.
- 320er und feiner: Zwischenschliff im Lackaufbau, nicht auf rohem Holz. Dort bringt es nichts mehr.
Immer längs zur Faser
Ein Querschliff hinterlässt Kratzer, die quer über die Maserung laufen, und die verschwinden auch mit 240er nicht mehr. Sie werden nur feiner. Unter einer Beize oder einem klaren Öl treten sie als heller Strich hervor, weil die aufgerissene Faser mehr Flüssigkeit aufnimmt als die glatte Umgebung. Mit dem Exzenterschleifer ist die Faserrichtung technisch zwar zweitrangig, weil der Teller kreist, aber die letzten Züge machen wir trotzdem längs, meist von Hand mit dem Klotz.
Der Klotz hat noch einen zweiten Grund. Die Hand allein drückt punktuell, und Holz gibt an weichen Frühholzzonen stärker nach als am harten Spätholz. Ohne Unterlage schleift man eine Fläche wellig, ohne es zu merken. Auf großen Flächen erledigt das die Breitbandschleifmaschine, die die Platte über eine ganze Walze kalibriert und dabei sowohl schleift als auch auf Stärke bringt.
Was Schleifen nicht kann
Schleifen macht eine Fläche glatt, nicht eben. Wer eine verzogene Platte oder eine schlecht verleimte Fuge glattschleifen will, bekommt eine glatte, aber weiterhin krumme Platte, und meistens noch eine Delle dazu. Ebenheit entsteht davor, beim Abrichten, Hobeln oder Kalibrieren. Genauso wenig lassen sich Ausrisse an Kanten wegschleifen: Sie werden nur größer, weil an der Kante am meisten Material abgetragen wird.
Und Schleifen ist an einer Stelle richtig gefährlich, nämlich auf Furnier. Ein Messerfurnier ist meist rund einen halben Millimeter stark. An einer Kante oder an einer Furnierfuge ist dieser halbe Millimeter mit einem Exzenterschleifer in wenigen Sekunden durch, und darunter liegt der Trägerwerkstoff. Reparieren lässt sich das nicht, das Teil ist neu zu machen. Deshalb schleifen wir Furnier grundsätzlich mit feinerer Körnung, mit wenig Druck und an Kanten von Hand.
Wässern, entstauben, Kanten brechen
Vor einer wasserbasierten Beize oder einem Wasserlack feuchten wir die Fläche mit einem nassen Schwamm an und lassen sie trocknen. Die Fasern, die beim Schleifen nur umgelegt wurden, stellen sich dabei auf. Ein leichter Schliff mit 240er nimmt sie weg. Ohne diesen Schritt macht der erste Lackauftrag genau dasselbe, und die Fläche fühlt sich danach an wie feines Schmirgelpapier.
Entstaubt wird abgesaugt, nicht abgeblasen. Druckluft treibt den Staub in die offenen Poren, aus denen er beim ersten Lackauftrag wieder heraussteigt und Krater bildet. Nach dem Absaugen geht ein leicht angefeuchtetes oder klebriges Tuch über die Fläche. Bei einer Eichenfront mit offener Pore ist dieser Schritt wichtiger als jede zusätzliche Schleifrunde.
Zum Schluss werden alle scharfen Kanten gebrochen, also mit 180er oder 240er minimal gerundet. Das ist keine Kosmetik: Auf einer messerscharfen Kante zieht sich Lack durch die Oberflächenspannung zurück, die Schicht wird dort dünner als überall sonst und platzt beim ersten Anstoßen ab. Eine leicht gebrochene Kante hält deutlich länger, ohne dass man die Rundung sieht.
Wie fein muss es sein
Feiner ist nicht automatisch besser. Lack braucht eine minimale Rauheit, um sich zu verankern. Eine auf 400er polierte Rohfläche gibt dem Lack weniger Halt, gewonnen ist dabei nichts, weil der Lack die feinen Riefen ohnehin füllt. Bei Öl kehrt sich das Argument um: Ein zu fein geschlossener Untergrund nimmt das Öl schlechter auf, die Fläche zieht ungleichmäßig an und trocknet fleckig. Wir gehen bei geölten Flächen deshalb bis 240 und dort nicht weiter, bei lackierten in der Regel bis 180.
Wie wir das bei HDE machen
Flächen laufen bei uns zunächst über die Breitbandschleifmaschine, das erledigt 80 und 120 in einem gleichmäßigen Durchgang. Danach übernimmt der Exzenter mit 180, und der Endschliff geht bei Sichtflächen von Hand mit Klotz und 240er längs zur Faser. Zwischen jedem Schritt wird abgesaugt, sonst schleppt ein einzelnes gröberes Korn aus der vorherigen Runde einen einzelnen tiefen Kratzer über die ganze Front.
Kontrolliert wird im Streiflicht. Ein Mitarbeiter hält eine Handlampe flach über die Fläche und geht sie ab, bevor irgendetwas in die Lackierkabine oder unter das Öltuch kommt. Auf einer geschliffenen Fläche sieht man in dieser Beleuchtung jede Riefe, jeden Kringel vom Exzenter und jede Stelle, an der jemand zu lange stehen geblieben ist. Nachschleifen kostet an dieser Stelle Minuten. Nach dem ersten Lackauftrag kostet dasselbe Problem einen halben Tag, weil die Schicht wieder herunter muss.
Bei furnierten Fronten arbeiten wir grundsätzlich mit reduziertem Druck und lassen die Maschine an den Rändern nicht überstehen. Wie empfindlich dieser halbe Millimeter ist, merkt man bei einer Küche mit durchgehendem Furnierbild sofort: Eine durchgeschliffene Ecke ist an einer Front kaum unsichtbar zu ersetzen, weil dann auch die Maserung nicht mehr durchläuft. Wie wir Oberflächen insgesamt aufbauen, beschreiben wir auf der Seite zur Schreinerei.




